Kreis Düren

Die Nordischen Filmtage in Lübeck

Wenn in Lübeck der Marzipanverkauf so richtig auf Touren kommt, dann steht ein Zeitraum bevor, in dem ein Ereignis stattfindet, das viele Menschen so stark beeinflusst, wie sonst nur der Jahreszeitenwechsel: Die fünfte Jahreszeit. Für die einen ist es der Advent oder die Weihnachtszeit, für die anderen der Karneval und für die „Film-Jecken“ sind es die Nordischen Filmtage, deren 59. Auflage nun festlich zu Ende ging.

Von Peer Kling & Silke Möller-Wenghoffer

Die Präsentation des neuen und historischen Filmschaffens bestimmen fünf Tage lang die Hansestadt mit Film-Beiträgen aus Skandinavien inklusive Is- und Grönland, dem Baltikum, Polen und Norddeutschland. Viele der Regisseure, die in Lübeck ihre Debütwerke vorstellten, haben mittlerweile Weltruhm erlangt – wie Bille August, Lasse Hallström, Aki Kaurismäki, Fridrik Thór Fridriksson, Dagur Kari oder Per Fly. 195 Filme kamen in 266 Vorführungen zur Geltung. Die Zahl der aufgenommenen Filme ist übrigens von Bedeutung für die Bezuschussung. Kein Festival kann sich aus sich heraus selbst finanzieren. Mit insgesamt 33.000 Besuchen verzeichnen die Filmtage den bisher stärksten Besucherandrang in der Geschichte des Festivals. 

Nach dem Eröffnungsfilm geht es zur Party im Dom, gestiftet von Heinrich dem Löwen, der Dom, nicht die Party. Grundsteinlegung 1173. Wie hätte wohl der Welfe reagiert als Gast in seinem „rot-blauen Wunder“? Mit seinen Turmhöhen von je knapp 115 Metern ist der Dom das zweithöchste Kirchengebäude Schleswig-Holsteins. Die Gewölbehöhe beträgt 20 Meter. Da muss man schon mal ein bisschen lauter sprechen und das Hörrohr zu Hilfe nehmen. Foto: Veranstalter

Kino an besonderen Orten

Die Nordischen Filmtage verstehen es auf wunderbare Weise, ihr Weltkulturerbe – die komplette Innenstadt steht unter dem Schutz der UNESCO – ins Geschehen der Filmtage mit einzubinden. 

Nach der Eröffnung im Kino mit Reden, kleinen Darbietungen und dem Eröffnungsfilm (siehe weiter unten) wird in den Dom GeBETEN, aber nicht zum Beten. Bei diesem Empfang ist traditionell auch das Team des Eröffnungsfilms anwesend. Die Begegnung mit anderen Filminteressierten ist wichtig. Das Gesehene will verarbeitet werden. Tipps werden ausgetauscht, Meinungen diskutiert, Infos weitergereicht, die Kehle feucht gehalten. Im Kino ist schließlich absolute Stille angesagt und das klappt in Lübeck auch dankenswerterweise sehr gut.
Kino an besonderen Orten – Noch ein Dom
Wie im vergangenen Jahr ist auch wieder ein mobiles Fulldome-Kino mit von der Partie, diesmal mitten in der Stadt neben dem „Finnen-Imbiss“, der Elchburger und „Rentier-Blut“ feil bietet. Hier können Filme für Kuppel-Leinwände wie sie auch in Planetarien vorkommen, gezeigt werden. Diese Fulldome-Produktionen lässt den Zuschauer eine sphärische Rundumperspektive von bis zu 360 Grad erleben. Hier kamen Filme wie etwa „Der grüne Planet – zwischen Eiszeit und Treibhaus“ zur Vorführung aber auch experimentelle Kunstprojekte wie „Nothing happens“ von den aus Israel stammenden Michelle und Uri Kranot in ihrer 12minütigen dänischen Produktion.

 

Wenige Minuten zu Fuß vom Hauptspielort CineStar, noch ein kleiner „Dom“. Foto: Peer Kling

 

Die mit einer Virtual-Reality-Brille ausgestattete reale Person am Bildrand unten befindet sich mitten im Filmgeschehen der als Kunst zu verstehenden Produktion mit dem Titel: „Nothing Happens“. Sie beeinflusst mit ihrer Kopfbewegung die Ausrichtung der Projektion und somit das Filmerleben aller übrigen Zuschauer. Foto: Peer Kling

Kino an besonderen Orten – „Finlandia“ in der Museumskirche St. Katharinen
Ein besonderes Filmerlebnis von zwei Stunden Dauer war „Finlandia“ von Erkki Karu, im Auftrag des Außenministeriums im Jahre 1922 fertiggestellt, nun dargeboten in der Museumskirche St. Katharinen. Imagefilme wirken zuweilen bemüht oder lächerlich, aber dieses fast 100 Jahre alte Zeitdokument fasziniert auf mehreren Ebenen. So ganz nebenbei erfüllt uns bei solch alten Filmen auch immer ein gewisses Gefühl der Beklommenheit, wenn wir uns vorstellen, dass wir jungen Menschen in der Blüte ihres Lebens in die Augen schauen und es sehr unwahrscheinlich ist, dass sie in diesem Moment, in dem sie uns so freudestrahlend begegnen, noch leben. Mir war gar nicht so bewusst wie jung Finnland ist. Erst die Oktoberrevolution 1917 hat seine Selbständigkeit ermöglicht. Zu dieser Jahreszahl habe ich, Peer eine Beziehung. Sie bezeichnet nicht nur das Geburtsjahr Finnlands, sondern auch das meines Vaters. Klar, dass sich ein so junges Land filmisch präsentieren musste. Und wie schön, dass wir das Ergebnis zum 100. Geburtstag von Finnland in Lübeck sehen konnten, was alles andere als selbstverständlich ist, denn 1959 ging der Film bei einem Brand um ein Haar fast für immer verloren. Mit etwa 5,5 Millionen Einwohnern auf einer Fläche, in etwa so groß wie das heutige Deutschland, gehört Finnland zu den am dünnsten besiedelten Ländern Europas. Der Regisseur Karu hat bei seinen Filmen immer gerne vieles in Personalunion selbst erledigt: Drehbuch, Regie, Kamera, Schnitt, Produktion. Bei dem Dreh von „Finlandia“ dagegen hat er vier Kamerateams auf Reisen geschickt. Mich haben die Flößer am meisten beeindruckt. Meine Großtante, Mila Schuster aus München, später Kitzingen hatte einen dieser Artisten in Öl gemalt. Sie halten das Gleichgewicht auf einzelnen Baumstämmen, die sich nicht nur in Stromschnellen ständig um ihre Längsachse drehen wollen, ohne jemals ins Wasser zu fallen. Die finnische Holz- und Papierindustrie vor 100 Jahren erscheint gigantisch und erstaunlich perfektioniert. Das Rattern der Maschinen können wir natürlich nicht hören, denn der Stummfilm wurde ja erst später weltweit durch den Tonfilm abgelöst. Das hat bis 1936 gedauert. Aber der Lübecker Musikprofessor Franz Danksagmüller und sein Team berücksichtigten in ihrer eigens für diesen Anlass geschriebenen Musik auch die monoton wiederkehrenden Klangmuster der Technik. Sie haben sich eingefühlt in das weite Spektrum dieses frühen Imagefilms und geben den passenden Stimulus zu jeder Sequenz. Da wäre das Lied
von den grünen Wiesen und der goldenen Butter. Auf fünf Einwohner kam eine Kuh. Milchprodukte für den Export. Auch das Rauschen der finnischen Wasserfälle benötigt sein klanglisches Äquivalent. Umgerechnet 2,5 Millionen PS bringen die herabstürzenden Wassermassen. Kichern in der Kirche bei der Mode der Sportler, aber Anerkennung für die Leistungen. Die Katharinenkirche war kalt. Das steigert den EinDRUCK, den der Eisbrecher „Sampo“ bei -25° Celsius kurz vor Helsinki hinterlässt. Gefühlt ist „Sampo“ die Schwester von „Zampano“ und der Name einer Elefantendame beim Wassertreten, doch die Wahrheit findet sich im finnischen Epos Kalevala. Jedenfalls tragen auch Folgegenerationen dieses Eisbrechers auch wieder den gleichen Namen, wie „Dr. Google“ zu berichten weiß. Wir jedenfalls schauen mit Interesse die Zeugnisse finnischer Selbständigkeit, verinnerlichen die hohe Symbolstärke des bildhaft dargestellten Durchbruchs und lauschen dem Krachen des Eises oder dem klanglichen Pendant, das der Herr Musikprofessor für angemessen hält. Dabei hüllen wir uns in die zur Verfügung gestellten Decken, die so rot sind wie die russische Revolution und spielen mit dem Gedanken an einen späteren Glühwein. Ich werde diesen Abend nicht vergessen.

Szene aus „Finlandia“. Viel Holz, aber wo ist der Balkon? Auch ohne Balkon kann man erkennen, dass die Stämme wie zu kleinen Floßen zusammen „geschmiedet“ sind. So können sich die einzelnen Baumstämme nicht drehen und der Verband gibt dem später darauf balancierenden Flößer Halt. Foto: Nordische Filmtage

Kino an besonderen Orten – Filmerlebnisse in der St. Petrikirche
In St. Petri wird gleich im Anschluss an die Filmpreisnacht der Gewinnerfilm des Kirchlichen Filmpreises Interfilm
wiederholt und in einer besonderen Vorführung zelebriert. Das wollten wir uns nicht entgehen lassen. Lieber früher weg und ein Bier weniger beim Empfang der Filmpreisnacht und mal schauen, was Kirche so meint. Also, wenn Du da mit Deinem Film gewinnen willst, dann musst Du einen Film aus dem geografisch passenden Bereich bieten, „der sich durch künstlerische Qualität auszeichnet und ein menschliches Verhalten oder Zeugnis zum Ausdruck bringt, das mit dem Evangelium in Einklang steht, oder die Zuschauer für spirituelle, menschliche oder soziale Fragen und Werte sensibilisiert“, so die Statuten. Der Preis wurde 1996 erstmals vergeben und zwar an Lars von Trier für „Breaking the Waves“. Hm, die Messlatte ist hoch, immerhin hat der Film auch den Grand Prix du Jury in Cannes bekommen und der rangiert in der Hierarchie gleich hinter der Goldenen Palme. Na, ja, und dieses Jahr? Okay, the winner is: „Das Entschwinden“ / „Verdwijnen“ / „The Disappearance“ von Boudewijn Koole, eine Niederländisch-Norwegische Koproduktion aus dem Jahre 2017

 

In der Weite liegt die Nähe zu sich selbst. Szene aus „Das Entschwinden“ Foto: Katalog der NFL

Der Film kommt im Prinzip mit vier Personen aus und ist so eine Art Kammerspiel im Schnee. Zuweilen braucht es eben die Einsamkeit und Abgeschiedenheit, um zu sich selbst zu finden oder auch eine Beziehung von sich zu einer anderen Person abzuklären zum Beispiel die einer Tochter zur Mutter wie in dieser dritten Spielfilmarbeit des Regisseurs Boudewijn Koole. Der Niederländer aus Leiden erforscht das Leid der Beziehung(en). Er schickt niederländische Schauspieler in den Schnee von Nordnorwegen und gewinnt damit den besagten Preis, so hoch dotiert wie der Publikumspreis. Es ist eine Roos entsprungen, so heißt die Tochter und zentrale Figur des Films. Als Fotojournalistin hat sie die Welt gesehen. Alle Jahre wieder reist sie ans „Ende der Welt“ zu ihrer Mutter Louise, die eine gefeierte Konzertpianistin war, Betonung auf war. So kalt kann es gar nicht werden, um diesen Schmerz nicht zu spüren. Da muss sie den Rest der Gefühle schon auch runterfahren. In den letzten Jahren konnten die beiden ihre emotionale Entfremdung nicht überwinden, aber jetzt in diesem Film kommt der Showdown. Eine Welt bricht erst ein, dann auf. Es wird laut und Tränen salzig. Das Eis schmilzt. Dass Roos das schaffen kann, dazu braucht es dreierlei, eine Krankheit, einen Halbbruder und einen ehemaligen Lover. Beziehungen sind halt wie Verbindungen in der Chemie. Um die neue Qualität der Verbindung zu erreichen, genannt Versöhnung, braucht es einer immensen Aktivierungsenergie.
Das Drehbuch hat Jolein Laarman geschrieben. Die Rollen: Rifka Lodeizen als Tochter Roos; Elsie de Brauw als Mutter Louise; Jakob Oftebro als Ex-Lover Johnny und Marcus Hanssen als Halbbruder Bengt. Im Übrigen wird es allmählich Zeit, dass mal jemand dem Regisseur mit dem Namen ähnlich dem Exkönig von Belgien eine Wikipediaseite bastelt.

Der Blick in den Kirchenhimmel vor Filmbeginn: JETZT signalisiert das Motto: „It´s now or never.“ Das passt zum erwarteten Film wie Faust auf Auge, wie sich herausstellen wird. Foto: Peer Kling

Es wäre zu schade wenn dieser besondere Ort für Kinoerlebnisse die Nordischen Filmtage als Projektionsstätte nicht überdauern würde. Es gibt sie die Zukunft: Für 2018 ist eine Vorstellung des Stummfilmklassikers „Nosferatu“ aus dem Jahre 1922 geplant. Das wohl berühmteste Werk von Friedrich Wilhelm Murnau ist die retrospektive Erzählung nach Notizen des Stadtschreibers der fiktiven norddeutschen Hafenstadt Wisborg über die 1838 dort wütende Pestepidemie. Der Horrorfilm mit dem Untertitel „Eine Symphonie des Grauens“ war eine seinerzeit nicht autorisierte Verfilmung des Romans „Dracula“ von Bram Stoker. Obwohl dessen Witwe 1924 vor einem Berliner Gericht die endgültige Vernichtung aller Negative und Positive von „Nosferatu“ gerichtlich erwirkte, ist der Film auch heute noch „untot“. Das ist erneut eine gute Gelegenheit, den Blick bei der Vorführung in der innen ganz weiß gehaltenen Petrikirche nach oben schweifen zu lassen und wem auch immer zu danken, bei dem Genuß des an sich stummen Meisterwerks, das hier nun aber von Raphaël Marionneau mit einem live gemixten Soundtrack ausgewählter Musik von Ludovico Einaudi, Bruno Coulais und John Hopkins in mal düstere und verstörend wirkende Klangwelten getaucht oder durch leicht verspielte Klänge in der Atmosphäre verstärkt wird.

Teile der Außenaufnahmen sind damals in Lübeck entstanden und auf einer „Nosferatour“ auch heute noch zu besichtigen.
Und übrigens ist die Welt ja auch immer wieder klein. In Nosferatu wird die Rolle des Thomas Hutter durch Gustav von Wangenheim verkörpert. Nachfahren des bekannten Adelsgeschlechtes leben heute bei uns um die Ecke, in Jülich-Stetternich.
Und wenn in St. Petri mal gerade kein Film läuft, gibt es dennoch viel zu sehen. Die Aussicht vom Turm ist atemberaubend. St. Petri dient auch als Veranstaltungsort der Ringvorlesung Lübecker Hochschulen und selbst der Hinweis darauf im Internet löst Freude aus: www.Welt-Eule.de Das Stadtmarketing von Lübeck stammt aus weiser Quelle.

 

Für manch einen Kinobesuch muss man vorher mal eben kurz durch´s „FEGEFEUER“ gehen, so der Name eine Gasse in der Nähe der sieben Kinosäle des CineStar in Lübeck. Foto: Peer Kling

 

 

 

 

 

Klein, aber fein, das Kino KOKI (KOKI wie KO-mmunales KI-no) in der Mengstraße 35. Zur Kinodimension passend hat Peer hier den lettischen Film „Garagen“ gesehen. Zwei Filmrollen mit innen-verspiegelten Glühbirnen verleihen dem Kino ein Gesicht. Hinter der Nase vielleicht das Heizungsrohr? Ich habe nicht nachgesehen. Mit knapp 100 Sitzplätzen sollte es keine Probleme mit der Versammlungsstättenverordnung geben. Foto: Peer Kling

 

 

Doch zurück zu den Nordischen Filmtagen. In dem kleinen KOKI haben wir schon manch interessanten Film gesehen. Peer wollte unbedingt „Garagen“ aus Lettland sehen. Wie kurz ist ein Kurzfilm? Maximal 30 Minuten, also ist „Garagen“ einer. Katharina Neiburga arbeitet als Multimedia-Künstlerin und Szenenbildnerin in Riga. Die Stadt hat Peer vor drei Jahren fasziniert, aber die Garagenwelten waren ihm entgangen. 27 Minuten lang erzählt die Filmemacherin in ihrem ersten Dokumentarfilm von einem speziellen Männerparadies. Das Paradies ist ja eigentlich eine antike GARTEN-Anlage. Wie kann eine GARAGEN-Anlage paradiesische Träume erfüllen? Erbaut wurden die Garagen in langen Linien, Seite an Seite, früher von den Sowjets, die Angst um ihre Wolgas hatten. Jetzt werden sie von den Letten benutzt. Es ist der Ort, an dem sich goldene Hände, Improvisationstalent, Bastelleidenschaft und Erfindungsreichtum ein so liebenswürdiges wie skurriles Stelldichein geben. Von außen sehen die Garagen alle gleich aus, aber innen sind sie Ausdruck größter Individualität. Zwischen Gerümpel und Motoröl finden sich lauter kleine und große Schätze. Lass mich in Deine Garage gucken und ich sage Dir, was für ein Mensch Du bist. Hier wird geschweißt, getüftelt, erfunden, erzählt und gegrillt. Die Ehen von Männern mit Garage halten länger. Die Frau fragt: „Wo gehst Du hin?“ Der Mann sagt: „Garage.“ Und alles ist gut. Eigentlich haben sie alle einen kleinen Vogel dort, was sie ja so sympathisch macht, aber einer, nein, er schießt nicht den Vogel ab. Er hat sich zur Lebensaufgabe gemacht, die Vogelwelt im Kleinen und im Großen zu retten und päppelt die nicht selten verletzten zarten kleinen Wesen auf, so gut er kann, nicht nur Paradiesvögel …


Die Rechte und die Rollen der Frauen im Norden – einen Schritt vor und zwei zurück?

Zahlreiche Filme bei den Nordischen Filmtagen porträtieren und hinterfragen den Status, den Freiheitsgrad, die Rollen und die Rechte der Frauen in Skandinavien. Dass in schwedischen Filmen schwedisch gesprochen wird, ist längst nicht mehr selbstverständlich, jedenfalls nicht das Schwedisch, das die Schweden sprechen. Durch die Zuwanderung in die nordischen Länder ist so einiges aufgemischt, die Sprachen, die Religionen, die Kulturen, die Verhaltensweisen, die jeweiligen Gewohnheiten und die Rechte und Rollen der Frauen.

„Was werden die Leute sagen?“
Diese Frage assoziiert man wohl eher mit einer spießigen deutschen Vorstadtsiedlung als mit einer gläubigen pakistanischen Gemeinschaft, die dazu führt, dass ein Mädchen in Norwegen, das einfach nur Teenager sein will, von seiner Familie ausgegrenzt, bestraft, entführt und fast zum Selbstmord getrieben wird.
In dem Spielfilm „Was werden die Leute sagen?“ erzählt die pakistanisch-stämmige 42jährige Regisseurin Iram Haq ihre erschütternde Geschichte. Die sechzehnjährige Nisha (Maria Mozhdah) führt in Norwegen mit ihrer liebevollen und fürsorglichen Familie das unbeschwerte, manchmal eben auch etwas ausschweifende Leben einer Sechzehnjährigen. Mehr als andere muss sie alterstypische Grenzüberschreitungen verheimlichen, denn ihre Eltern sind den traditionellen Werten ihres Heimatlandes sehr verbunden und achten streng auf deren Wahrung, schon aus Gründen der Akzeptanz innerhalb der pakistanischen Gemeinschaft im Wohnviertel. Die Situation eskaliert, als ihr Vater einen heimlich ins Zimmer geschmuggelten Freund  entdeckt und die Familie entehrt sieht. Um das Gesicht als Familienoberhaupt und Hüter der Tradition zu wahren, greift er zu drastischen Maßnahmen. Gegen ihren Willen wird Nisha zu Verwandten nach Pakistan verfrachtet. Dort durchlebt sie eine schwere Zeit der Eingewöhnung. Heimweh, Einsamkeit und auch Unterdrückung bestimmen ihren Alltag, aber auch schöne Erlebnisse, Begegnungen und Erfahrungen in ihrem ihr bisher unbekannten Heimatland. Nach einem dramatischen Zwischenfall sieht ihr Vater jedoch nur noch zwei Möglichkeiten zur Rettung der angekratzten Familienehre: Ihren Freitod oder die vermittelte Hochzeit mit einem unbekannten Cousin aus dem fernen Kanada.

Was zunächst als Generationenkonflikt vor dem Hintergrund der kulturellen Besonderheiten der Einwandererfamilie daher kommt, entwickelt sich rasch zu einer dramatischen Abfolge von Ereignissen, die den Betrachter zunehmend erschüttern, denn sind es doch wahre Begebenheiten aus dem Leben der Regisseurin.

Dabei wird die Geschichte durch intensive Bilder getragen, die Kamera übernimmt das Tempo der Geschehnisse ohne zu übertreiben und damit abzulenken und lässt die Zuschauer somit tief eintauchen in das Geschehen.

Nachdenklich stimmt bei der Betrachtung der Ereignisse die Rolle der Verwandten. Jedes Mitglied der Großfamilie ist darauf bedacht, den Schein zu wahren und bloß keinen Anlass für Gerede zu geben. Daraus entsteht für Nisha eine Biographie voller seelischer und auch körperlicher Grausamkeiten. Der Bruder, enger Vertrauter Nishas und im Grunde in der gleichen Situation mit dem gravierenden Unterschied, dass er ein Junge ist, hilft dem Vater bei der Entführung Nishas und reagiert versteinert, als sie ihn verzweifelt anfleht. Die Unterordnung unter den Vater und den Ehrenkodex der Gesellschaft ist stärker als der menschlich natürliche Reflex zu helfen und zu erkennen, was man seiner Schwester antut. Noch extremer die Mutter, die zwar wie der Vater voller Liebe und Sorge für die Tochter ist, sie aber letztendlich verrät und die selbst erlebte Tradition der Unterdrückung aufrechterhält.

Im Interview spricht die Regisseurin von Versöhnung und man verlässt den Saal dann doch auch mit dem Gedanken, dass der Vater wohl wie mehr oder weniger jeder Mensch in seiner gesellschaftlich geforderten Rolle gefangen ist. Erschüttert ist man dennoch angesichts dieses Schicksals, verursacht durch gesellschaftliche Erwartungen und traditionelle Werte.
Der Film wurde mit dem Publikumspreis der „Lübecker Nachrichten“ ausgezeichnet. Der traditionsreichste Preis des Festivals ist mit einem Preisgeld dotiert, das heute 5.000 Euro beträgt. Zuschauerinnen und Zuschauer entscheiden per Stimmzettel über die Preisvergabe an einen Spielfilm des Wettbewerbs. Mit fast 4500 abgegebenen Stimmzetteln hat die größte Jury des Festivals entschieden.

Maria Mozhdah als Nisha in dem packenden Drama „Was werden die Leute sagen?“ von Iram Haq. Es geht um die Fallstricke eines Wertesystems, das sich zwischen den Kulturen Norwegens und Pakistans verheddert. Foto: Nordische Filmtage

 

Starke Frauen standen in Lübeck auch in anderen Wettbewerbsfilmen im Mittelpunkt, nicht als kämpferische Mannweiber oder versponnene Feministinnen sondern in ihrer jeweiligen nicht einfachen Lebenslage als starke Einzelcharaktere, die jeweils einen Weg finden, mit ihrer Situation umzugehen, daran zu wachsen und teilweise die Gesellschaft ein kleines Stück zu verändern.

 

Der diesjährige Eröffnungsfilm kam aus Schweden. Das Langfilmdebüt  „Träum weiter“ der 29jährigen Regisseurin Rojda Sekersöz wurde bereits mit mehreren skandinavischen Filmpreisen, unter anderem dem Publikumspreis beim Festival in Göteborg, bedacht. Mitreißend erzählt Rojda Sekersöz die Geschichte von Mirja und ihren Freundinnen, die davon träumen, ihrem tristen Dasein in einem Stockholmer Vorort zu entkommen. Die Thematik ist auf den ersten Blick eher eine männliche: Der Versuch, aus einer (klein)kriminellen Karriere und Umgebung auszubrechen und sich ein gutes Leben aufzubauen. Dabei holen einen die alten Gewohnheiten, die Freundschaften, das Milieu – letztendlich die Herkunft – immer wieder ein und erschweren den Befreiungsschlag. So auch bei Mirja, die vor einer schweren Entscheidung zu stehen scheint: Alles Vertraute, die Clique, die Familie aufzugeben, um neu anfangen zu können oder immer wieder in den alten Sumpf, der sie schon ins Gefängnis gebracht hat, zurückzusinken. Diesen Kampf durchlebt sie ganz allein und ausgerechnet ihre Freundinnen drohen ihn zu zerstören, diesen Traum von einem selbstbestimmten Leben ohne Kriminalität und finanzieller Not.

Sekersöz´ Inszenierung ist in jeder Hinsicht intensiv, das Tempo, die Schnitte, die Musik – alles ist unglaublich gut getaktet, greift ineinander und macht es möglich, der Protagonistin dicht zu folgen und ihr Dilemma mitzuerleben. Ebenso tief kann man in die Umgebung Mirjas eintauchen, die Nöte und Sehnsüchte ihrer kleinen Familie, ihrer drei Freundinnen. Alle Darstellerinnen sind phantastisch gewählt und scheinen sich selbst zu spielen. Herausragend auch Outi Mäenpää als Mirjas alkoholkranke alleinerziehende Mutter, deren Figur auf die schicksalhafte Geschichte vieler finnlandschwedischer Einwanderer verweist.

„Träum weiter“ hat viele herrlich komische Momente und traut sich, eine Art Happyend zu liefern. Gleichzeitig ist er sehr berührend, spannend und realistisch. In Lübeck blieb er dennoch ohne Prämierung, die Konkurrenz war – wie jedes Jahr in Lübeck – umfangreich und stark.

Film ist wie Fußball, sehr international. Rojda Sekersöz ist in Schweden geboren, Ihre Eltern stammen aus Kurdistan. Das gesamte kurdische Siedlungsgebiet umfasst je nach Definition etwa 500.000 km² und verteilt sich auf die Staaten Türkei, Irak, Iran und Syrien. In diesen Gebieten leben neben Kurden auch Araber, Perser, Aserbaidschaner, Türken, Turkmenen, Armenier und Assyrer/Aramäer. Evin Ahmad, die Darstellerin der Mirja ist in Stockholm geboren. Ihre Eltern sind Kurden, der Vater war Schauspieler im Irak, die Mutter stammt aus Syrien.

Die Regisseurin Rojda Sekersöz und ihre Hauptdarstellerin Evin Ahmad in der Rolle der Mirja „sitzen Rede und Antwort“ nach der Vorstellung von „Träum´ weiter“ bei der Eröffnung der 59. Nordischen Filmtage in Lübeck. Foto: Peer Kling

In dem dänischen Film „Eine fürchterliche Frau“  inszeniert Christian Tafdrup ebenfalls realistische Momente aus dem Leben einer Frau bzw. eines Paares in einer Spielfilmhandlung. Weniger packend ist dabei die eher unspektakuläre weil alltägliche Handlung als die Kommunikation zwischen den beiden Hauptdarstellern und – wie der Titel schon in Aussicht stellt – das fürchterliche weil subtil destruktive Verhalten der Frau, die  ihren Partner und die ganze Beziehung nach ihren Vorstellungen formen will. Hintergrund ist dabei weniger Machtwille als vielmehr der sehr ernste, auch gesamtgesellschaftlich evidente Wunsch der starken Frau nach einem souveränen, nicht unsicheren Partner. Dieser Forderung ist unser Mann im Film nicht gewachsen und so gerät er in die Mühlen der „Umerziehung“. Dabei ergeben sich unweigerlich immer wieder sehr komische  Momente, fein beobachtet und pointiert in Szene gesetzt. Eine hochgezogene Augenbraue, ein betont munteres „Ich wünsche dir viel Spaß bei deinem Männerabend“, – der arme Mann tut einem leid und auch als Frau muss man in diesem Film oft geständnisvoll nicken. Dominanz auf weibliche Art, herrlich schrecklich etwa auch die still vorwurfsvolle Korrektur der Spülmaschinenbestückung.

Von diesen Momenten und seinem herausfordernden Titel lebt der Film mehr als vom Fotografischen. In wenig spektakulären, beiläufigen Bildern wird die Geschichte ohne viel Aufwand erzählt, die Musikuntermalung gerät bisweilen etwas pathetisch. Die Idee vermag manche Zuschauer trotzdem bis zum Ende zu tragen. Andere vermissen wohl ein wenig mehr Filmgenuss.

 

Filmplakat zu „Eine fürchterliche Frau“ („En Frygtelig Kvinde“) von Christian Tafdrup

„Liebe Oma, Guten Tag!“

Mit diesem freundlichen Titel laden uns die beiden litauischen Schwestern Jurate und Vilma Samulionyte in ihrem Dokumentarfilm ein, sie bei ihrer familiären Spurensuche zu begleiten. Man begibt sich mit den beiden sympathisch natürlich agierenden Damen auf eine Reise durch einen Teil Europas und durch ein unruhiges Jahrhundert, eine Reise durch innere und äußere Welten. Viel ist es nicht, was die beiden über ihre Großmutter wissen und was von jener an greifbaren Erinnerungen geblieben ist. Aber das Wissen um ein schweres, geheimnisvolles, besonderes Leben, das durch Weltkrieg und persönliche Schicksalsschläge bestimmt wurde und mit dem Freitod der 72jährigen endete, ist der Motor dieser nicht immer hindernisfreien Reise und Identitätssuche.

Dabei ist ein besonderes Ziel des Films mit den vielen Recherchen, Gesprächen und seiner fast therapeutisch anmutenden Detektivarbeit von Jurate und Vilma wohl das Durchbrechen eines scheinbar auf der Familie liegenden Fluchs, der immer wieder zu schweren Schicksalsschlägen und mehrfach zu Suizid führte. Gegen Ende der 84 Filmminuten erfährt der Zuschauer, dass sich der Vater der Filmemacherinnen, den man eben noch auf der Leinwand in Interviews gesehen hat, nach dem Film auch noch das Leben genommen hat.

 

So ließ sich im Laufe des Festivals ein ganzes Spektrum weiblicher Befindlichkeiten erkennen.  Zum Schluss hätte sogar frau sich insgesamt mehr Männlichkeit bzw. männliche Präsenz in diesen ansonsten wieder einmal sehr vielfältigen Filmtagen gewünscht.

 

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