Kreis Düren

Das schweigende Klassenzimmer

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Kürzlich Weltpremiere auf der Berlinale – jetzt ist der Film im Kino im Jülicher Kulturbahnhof zu sehen am Montag, 9. und am Dienstag, 10. April: „Das schweigende Klassenzimmer“ von Lars Kraume

Von unseren Berlinale-Korrespondenten Peer Kling und Elisabeth Niggemann

Mit dem Kino im Kino fängt alles an, der Film „Das schweigende Klassenzimmer“ und auch das Problem, das er behandelt. 1956 war die DDR sechs Jahre alt, die Mauer sollte noch fünf Jahre auf sich warten lassen. Den Abiturienten Theo (Leonard Scheicher) und Kurt (Tom Gramenz) aus Stalinstadt war es noch möglich, in Westberlin ins Kino zu gehen. Es war die Zeit der Wochenschau. Sie sehen die dramatischen Bilder vom Ausstand der Ungarn und sind geschockt. Die beiden beschließen zusammen mit ihren Mitschülern eine Schweigeminute in ihrer Abitursklasse. Diese 60 Sekunden sorgen für einen Wirbel, der bis in die höchsten Amtstuben der Ministerien reicht und sich schließlich zum Abitur-Ausschluss der ganzen Klasse auswächst. Die Mehrheit flieht aus der Republik und „baut“ ihr Abitur im Westen. Soweit die wahre Geschichte nach dem gleichnamigen Sachbuch von Dietrich Garstka als Grundlage dieses Films.

Interessant an diesem gut gespielten Film mit stimmigen Dialogen ist der steinige Weg hin zur Solidarität. Beunruhigend, wie kleinsten Zeichen eines gewaltlosen Widerstandes völlig unverhältnismäßig begegnet wird. Aufschlussreich, wie die bislang verschwiegenen und in sich sehr unterschiedlichen Vergangenheiten der Elterngeneration ans Tageslicht kommen. Zu sehen, wie enttäuschend im wahrsten Sinne des Wortes das Zerplatzen der Illusionen ist. Zu erleben, wie einzelne Menschen im Schraubstock eines perfiden Machtapparates standhalten oder halt doch zum Verrat neigen.

Wer ist der Regisseur Lars Kraume?
Lars Kraume kam 1973 in Italien zur Welt, wuchs in Frankfurt am Main auf und arbeitet nach dem Abitur zunächst zwei Jahre als selbständiger Fotograf. Für seinen Abschlussfilm an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin aus dem Jahre 1998 bekam er den Adolf-Grimme-Preis. Auf das Konto des deutschen Regisseurs, Produzenten und Drehbuchautoren gehen unter anderem zehn Tatortfolgen. Einem breiten Kino-Publikum wurde er mit seinem mit sechs deutschen Filmpreisen ausgezeichneten Film „Der Staat gegen Fritz Bauer“.
Bekannte Gesichter
Michael Gwisdek, der seit 1968 über 100 Filmen sein Gesicht und seine charakteristische Art und Stimme geliehen hat, spielt hier als Edgar einen etwas verschrobenen Gutmenschen am Rande der  Gesellschaft. Bei ihm kann die Klasse Westradio hören und über den Tellerrand gucken.

Ronald Zehrfeld spielt den Vater von Kurt. Zwischen den beiden erwächst ein Vater-Sohn-Konflikt, der an den Grundfesten der DDR wackelt.
Ronald Zehrfeld gewann 1978 im Alter von 11 Jahren die DDR-Jugendmeisterschaft im Judo und hatte Olympia-Träume. Ein Theaterworkshop weckte sein Interesse für die Schauspielerei. Seine erste Kinorolle bekam er in dem Dominik Graf Film „Der rote Kakadu“. Schon in dem Film „Der Staat gegen Fritz Bauer“ hat er mit Lars Kraume zusammen gearbeitet. Und bereits in „Barbara“ galt es, eine Stasi-DDR-Thematik zu bewältigen.
Burghart Klaußner spielte Fritz Bauer im Lars Kraume Film. Nun verkörpert er glaubhaft den  Volksbildungsminister Lange mit dem gleichen Schmierpisspotential wie in der Rolle des Pastors im „Weißen Band“. (Michael Haneke, 2009)

Die Drehorte
Ziemlich genau ein Jahr vor der Premiere auf der Berlinale begannen die Dreharbeiten zum Film in Berlin und Eisenhüttenstadt, dem Schauplatz des Films. Einige Szenen wurden in der großen Außenkulisse „Neue Berliner Straße“ im Studio Babelsberg in Potsdam gedreht. Hier entstanden die Einstellungen um den Berliner Kurfürstendamm mit den Capitol-Lichtspielen, Häuserfassaden und Läden. Die Szenen in den Straßenzügen des vermeintlichen Eisenhüttenstadt wurden ebenfalls  dort gedreht. 120 Komparsen erfüllten die in Babelsberg aufgebauten Viertel mit Leben.

Geografisch geschichtlicher Hintergrund:
Ein Teil des Kreises von Fürstenberg (Oder) wurde zur „Stalinstadt“ ausgebaut. Stalinstadt war die Wohnstadt eines zu DDR-Zeiten neu errichteten Eisenhüttenwerkes. Die „erste sozialistische Stadt auf deutschem Boden“ galt als ideologisches Vorzeigeprojekt. Die Bevölkerung in diesem ursprünglichen Vorort von Fürstenberg (Oder) nahm von 2400 Einwohnern anno 1952 innerhalb von nur drei Jahren auf 15 150 zu. Schon im Jahre 1961 wurde im Zuge der Entstalinisierung der Name getilgt. Stalinstadt, Fürstenberg (Oder) und Schönfließ wurden zusammengelegt und bekamen den Namen Eisenhüttenstadt.

Nach dem zweiten Weltkrieg gab es in der Sowjetischen Besatzungszone keine nennenswerte Stahlproduktion. Die Vorkriegsstandort befanden sich alle im Westen.  
Ursprüngliche Planungen eines Stahlwerkes an der Ostsee und der Betrieb mit Schweden-Erz wurden verworfen, um die Abhängigkeit vom Westen zu vermeiden. Das Werk in Stalinstadt wurde mit Erz aus der Ukraine und mit Kohle aus Polen betrieben.

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