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HS-Woche: NACHRICHTEN AUS IHRER REGION - Leser-Meinungen
22.04.2010
Tatsächlich haben wir in Deutschland ein Riesenproblem damit, unbequeme Wahrheiten anzusprechen. Wir haben sogar ein Problem damit, einfach nur angemessen mit Fakten umzugehen. Als Herr Dr. Sarrazin vor Monaten in Funk und Presse wegen seiner Einschätzungen zur Berliner Situation geradezu zerrissen wurde, wollte ich wissen, wie korrekt man mit seinen Äußerungen umgegangen ist. Mit viel Mühe beschaffte ich mir den Wortlaut des im Lettre International 10/2009 veröffentlichten Interviews.
Wie vermutet, waren dort viele klare und abgewogene
Statements eines Mannes zu lesen, der ein Kenner der Materie ist und
weiß, wovon er spricht. Was ist so verwerflich daran, wenn jemand die
absolut offensichtlichen Probleme anspricht? Dr. Sarrazin hat natürlich
seinen eigenen Stil, aber den darf er ruhig haben, solange er sich
fundiert äußert. Und das hat er getan, er wird es hoffentlich auch
künftig tun. Es gibt keinen Anlaß, daß sich Berufs-Gutmenschen über
Faktenveröffentlichung empören. Noch viel weniger Grund gibt es,
Experten wie Herrn Sarazin in eine Ecke zu stellen, in die er nicht
gehört.
Ja, Herr Haimüller, wir brauchen mehr Sarrazins.
HIER DER oben kommentierte BEITRAG VON HS-WOCHE-Chef Reinhold
Haimüller zum Thema „Thilo Sarrazin“ vom 14.4.2010
Thilo
Sarrazin provoziert gerne. Der ehemalige Finanzsenator von
Berlin, der heute Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank ist, redet
über „Kopftuchmädchen“, „türkische Wärmestuben“ und den „türkischen
Gemüsehandel“ als einzige sinnvolle Aufgabe für Zuwanderer aus der
Türkei (wobei er dies alles auf Berlin bezieht). Wenn Sarrazin spricht,
regt sich Deutschland auf. Die einen sind für ihn, die anderen dagegen.
Zweimal
Hausaufgaben nicht gemacht, Kindergeld um 50 Prozent gekürzt“, so
Sarrazins Vorschlag, der insbesondere auf Familien und Jugendliche mit
Migrationshintergrund abzielt. Oder: „Integration ist zu 80 Prozent eine
Bringschuld und keine Holschuld.“ Die allgemeine Empörung, wenn er
Hartz IV-Empfängern rät mal weniger heiß zu duschen oder auch, dass
selbstverständlich ein Arbeitsloser morgens aufstehen könne, um seinen
Kindern Schulfrühstück zu machen.
Diese Empörung ist allerdings
beabsichtigt. Sie ist Teil einer Strategie von Thilo Sarrazin, der genau
weiß, welche seiner Sätze besondere Wirkung haben. In den Medien und in
der Öffentlichkeit. Er zieht so die Hebel, die man „Empörung“ nennt.
Denn
es gibt in Deutschland Tabuthemen. Dinge, die man besser nicht
öffentlich an- und ausspricht. Die deutsche Vergangenheit gehört dazu.
Die Welle der Empörung (und die kommt dann von eigentlich allen Seiten)
ist gewaltig. Zu vielen, die glaubten einen guten Stand und viele
Sympathisanten im Hintergrund zu haben, wurden hier schon getäuscht. Ihr
Abgang aus der Öffentlichkeit, aus Ämtern aus Jobs war die Folge. Zu
schnell fallen die Schlagworte, die den oft gutgläubigen Tabubrecher in
eine bestimmte Ecke stellt. Und aus der kommt er nicht mehr raus.
In
unserer Gesellschaft gibt es Gruppen, die entscheiden, was politisch
korrekt und was unkorrekt ist. Kurz: was man sagen darf und was nicht.
Sie schaffen diese Tabuthemen. Einige offensichtlich Benachteiligte
gehören zu den Gruppen, die hier besonderen Schutz genießen. Dazu gehöre
auch Hartz IV-Empfänger und Problemfälle mit Migrationshintergrund.
Denn
ein (verbaler) Angriff auf diese Gruppen, und auch wenn es nur eine
Überprüfung der Rechte ist, wenn es nur die Nachfrage ist, ob bestimmt
Dinge wirklich so sind, tatsächlich gefördert werden müssen oder ob hier
nicht der Benachteiligte auch eine Mitschuld trägt, führen zum medialen
und öffentlichen Aufstand.
Und genau davon lebt Sarrazin. Und
das weiß er. Seine Wahrheiten (durchaus persönliche Ansichten und keine
allgemeingültigen Aussagen) führen stets zu diesem Aufschrei der
Gerechten. Eben weil er Tabus anspricht, aber eigentlich nur ankratzt.
Vielleicht
brauchen wir nur mehr Sarrazins in Deutschland. Männer und Frauen, die
unbequeme Wahrheiten an- und aussprechen, die Tabus des Denkens, uns
auferlegt von den Ewiggerechten, brechen. Dann werden solche Sätze, wie
die eines Thilo Sarrazin nicht nur zum Aufschrei der Empörten, sondern
zu tatsächlichen Diskussionen und zum Nachdenken führen.
Ihnen
eine angenehme Woche
Ihr
Reinhold Haimüller
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